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Mit einem Online-Shop dem Strukturwandel und lokalen Kundenschwund entgegnen

Eine Erfolgsgeschichte erzählt von Tobias Hemmo, Inhaber der Schuh- und Lederwaren Hemmo und Betreiber des Online-Shops fingerkleid.de

Auslöser

Das Unternehmen wurde 1920 von meinem Urgroßvater gegründet. Ursprünglich hat er als Schuhmacher gearbeitet, später kam der Verkauf von Schuhen hinzu. Zwischenzeitlich, nach dem zweiten Weltkrieg, haben wir uns mit Schuhreparaturen über Wasser gehalten. Nach dem Tod meines Urgroßvaters führte meine Großmutter die Firma weiter. In den 1960er Jahren hat mein Vater das Geschäft übernommen, es erweitert, und trotz teils widriger Umstände erfolgreich fortgeführt. Nach der Wende sind wir in eine Einkaufsvereinigung eingetreten und mein Vater wurde bereits 1991 zu deren Aufsichtsratsmitglied berufen. Diese ehrenamtliche Funktion übte er bis zu seinem frühen Tod 1996 im Sinne der Gemeinschaft, und gerade auch unserer ostdeutschen Kollegen aus. Ich möchte explizit erwähnen, dass sein Schaffen, vor allem auch in und nach der Wende, mit all den neuen Anforderungen, stets von seiner Frau/meiner Mutter in und außerhalb der Firma unterstützt wurde. Seit Ende 1995 leite ich, jetzt in der 4. Generation, unseren Familienbetrieb.

Die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung waren für den Einzelhandel sehr gute Jahre. In der Folgezeit hat sich das jedoch relativiert. Gerade bei uns in Weißwasser: Wir waren zur Wende eine Stadt, geprägt von der Glasindustrie, dem Kohleabbau und der Kohleverstromung. Der folgende, erste Strukturwandel hatte bereits enorme Auswirkungen auf die Stadt und deren Einwohner. Von damals reichlich 38.000 Einwohnern sind heute gerade mal ca. 15.500 übrig. Die Leute ziehen weg, die Jugend zieht weg. Damit bleiben uns weniger Kunden. In Weißwasser haben wir durch das Kraftwerk und die Braunkohle kein großes Umland. Das war schon seit den 1970er, 1980er Jahren so. Auf der einen Seite ist die Kohlengrube, auf der anderen Seite die Grenze nach Polen. Unsere polnischen Nachbarn haben zwar früher viel bei uns gekauft, nur seit der Wende ist das nicht mehr so. Jetzt fahren sie direkt in die größeren Städte, wo es ein breiteres Angebot gibt, und machen hier nicht mehr Halt. Aus diesem Grund haben wir uns Gedanken gemacht, wie man das abfangen kann, was man tun kann, um Kunden zu akquirieren und das Geschäft zu erhalten.

Die Digitalisierung hat bei uns schon mit dem ersten Warenwirtschaftssystem 1991 angefangen. Früher war es so, dass wir nur über per Hand angelegte Tabellen einen Überblick über das Warenlager hatten. Das gelang nur mit großem Aufwand, weil wir über Warenlager im Wert von 200.000 Euro, damals über 200.000 D-Mark, verfügten. Auch Inventuren wurden früher mit manuell angelegten Tabellen durchgeführt. Wir fragten uns, wie man das mit digitaler Hilfe umsetzen kann.

Der Schlüssel zum Erfolg

Ab 2006 haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie wir online etwas verkaufen könnten: Wie wollen wir das handhaben, wo bekommen wir die Ware her, wie machen wir es, damit es nicht den finanziellen Rahmen sprengt, wie lösen wir das mit der Logistik am günstigsten? Wir haben uns Zeit genommen, denn es sollte etwas Ordentliches werden. Der Start des Online-Shops fingerkleid.de war 2011. Um zusätzlichen Umsatz zu generieren, sind wir mit einem befreundeten Betriebsberater auf die Idee gekommen, dass man Lederhandschuhe online verkaufen könnte. Auch bei unserem Onlineshop kamen später weitere Produkte, wie Schuhe und Lederwaren hinzu, ähnlich wie beim damaligen Start des großväterlichen Geschäfts. Wir machen inzwischen ein Fünftel unseres Umsatzes mit dem Online-Shop und weiteren Online-Verkaufsplattformen. Bei Letzteren ist der Aufwand für uns geringer, jedoch die Handelsspanne natürlich auch.

Digitalisierung ist DIE große Chance für uns, auch um das Unternehmen zu erhalten. Ohne unseren Online-Shop würden wir definitiv schlechter dastehen. Vor allem, wenn die Geschäfte wieder einmal geschlossen sein sollten. Gerade in solchen Situationen hilft es, gut digital aufgestellt zu sein. Allerdings müssen auch die Programme und digitalen Helfer zunächst mit Daten gefüttert werden, manchmal händisch, was dann erst mal sehr aufwändig ist.

Beim letzten Lockdown ist die Nachfrage im Online-Shop sprunghaft gestiegen. Wir arbeiten seit der ersten Zwangsschließung der Geschäfte zusätzlich mit QR-Codes und der Warenkennzeichnung im Schaufenster, so dass man für die Kunden rund um die Uhr erreichbar ist. Jeder Artikel im Schaufenster wird mit einer Ident-Nummer gekennzeichnet. Wenn der Kunde mir diese sagt, kann ich sofort im Warenwirtschaftssystem schauen, ob die Größe verfügbar ist. Dann können wir spontan entscheiden, ob ich die Ware ans Auto, auf die Straße oder nach Hause liefere. So katastrophal die Situation betreffs der (von jetzt auf gleich) geschlossenen Geschäfte für viele von uns Händlern auch gewesen ist, war es doch auch spannend, weil man gefordert war. Was macht man, um wenigstens ein bisschen war zu verkaufen. Es ist wichtig, dass die Kunden sehen, dass man noch da ist, dass man sich kümmert, dass man was macht. Nochmal: JEDER Kunde muss wissen, wenn er etwas dringend benötigt, finden die Leute bei Hemmos eine Lösung.

Im Lockdown haben sich Kunden bei uns bedankt, dass es so schnell ging, dass wir Dinge möglich gemacht haben, dass wir nochmal angerufen haben, wenn es Fragen gab. Letztens hatte ich mal eine Reklamation. Diese haben wir eingeschickt. Der Kunde hat schnell einen Ersatzartikel erhalten, sich bedankt und gesagt, das wäre nicht überall so. Da sagte ich: Die Reklamation ist ja nicht Ihr Problem, sondern unseres. Wir haben es Ihnen ja verkauft. Wir sind nicht nur Händler und Verkäufer, sondern in erster Linie Problemlöser. Gerade im Schuhbereich mit den verschiedenen Größen und Weiten, das ist alles sehr speziell, denn jeder Fuß ist anders.

„Lernen ist wie das Schwimmen gegen den Strom. Hörst du auf, treibst du zurück. Man muss ständig am Ball bleiben, dranbleiben. Unter anderem auch bei Themen wie Suchmaschinenoptimierung, Werbung, bezahlt oder nicht – es hört nie auf.“

Tobias HemmoInhaber Schuh- und Lederwaren Hemmo

Aufwand

Im Jahr 2020 haben wir aus Kostengründen einen neuen Online-Shop aufgesetzt. Wir waren vorher bei einem Anbieter, der unsere Programmstufe nicht mehr gepflegt hat. Wenn wir damit hätten weitermachen wollen, wäre es ein sehr hoher Investitionsaufwand gewesen. Das hätte sich nicht gerechnet. Sie haben uns an eine Partnerfirma mit einem anderen Shop-System verwiesen. Jetzt haben wir ein zweites Mal einen Online-Shop finanziert. Ich will damit sagen: Wenn jemand etwas macht, egal ob Homepage oder Online-Shop: Nichts ist für die Ewigkeit. Man muss ständig daran arbeiten und es kann dazu kommen, dass das Alte nicht mehr funktioniert bzw. nicht mehr up to date ist. Wir haben uns schweren Herzens entschlossen, den alten Shop sterben zu lassen und etwas Neues zu machen. Der alte Shop hatte uns in Summe ca. 20.000 Euro gekostet. Die Grundeinrichtung des neuen Shops lag bei etwas über 10.000 Euro. Jetzt nehmen wir schon wieder Änderungen vor.

Ein Vorteil ist, dass wir im vorigen Jahr damit in das EFRE-Programm gekommen sind, wo wir 40 Prozent Förderung bekommen. Damit konnten wir den Shop größer aufziehen. Die Förderung hat uns sehr geholfen. Auch die Folgekosten des ersten Jahres sind mit enthalten. Dafür sind wir sehr dankbar.

Hilfreiches

Schon mein Vater hat zusammen mit mir viele Seminare unserer Einkaufsvereinigung besucht. Generell haben die Einkaufsvereinigungen eine positive Rolle bei unserer Entwicklung gespielt: Wir sind bereits seit 1990 Mitglied in der Garant Schuh und Mode AG (Schuhe) und der Goldkrone GmbH (Lederwaren), die später in der ANWR aufgefangen sind. Ein Tochterunternehmen der Garant (später ANWR) ist die EBG Data, die verantwortlich ist für die Warenwirtschaft, Softwareentwicklung und unter anderem auch für EDI und Multichannel. Hier gibt es viele Unterstützungsangebote, die speziell auf den Schuhhandel zugeschnitten sind. Für die fruchtbare Zusammenarbeit von Beginn an möchten wir uns auch an dieser Stelle bedanken.

Darüber hinaus helfen mir auch kleine Erfolgserlebnisse, mich zu motivieren: als wir die ersten Lederhandschuhe nach Brüssel verkauft haben, oder nach Wien ans Theater, der erste Verkauf nach Irland und Kroatien. Auch das automatische Erstellen von EAN-Nummern und die Anbindung an eine neue Verkaufsplattform sind kleine Schritte auf dem Weg zum Erfolg. Das sind Sachen, die mich motivieren. Unser Hauptmarkt ist Deutschland, wir versenden jedoch in die gesamte EU. Es sind die kleinen Sachen, die Freude bringen.

Lerneffekte

Was ich beim nächsten Mal anders machen würde: Ich würde viel früher mit dem Online-Geschäft anfangen. Meinen Kolleginnen und Kollegen kann ich sagen: Ohne Online-Präsentation, möglichst auch Verkauf, geht es nicht. Dann wird es ihre Firma nicht mehr lange geben. Und anfangen, einfach anfangen! Es muss nicht gleich zu 100 Prozent perfekt sein. Einfach machen. Die ersten Sachen werden natürlich noch nicht optimal sein. Sich hinsetzen, das anschauen, Partner suchen. Als Einzelhändler würde ich jedem raten, sich einer Einkaufsvereinigung anzuschließen, diese gibt es auch für Textilien, Spielwaren und andere Branchen. Denn die Unterstützung, die man dort bekommt, ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Das wird man allein, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, nicht schaffen.

Grundsätzlich kann ich dazu raten, sich die Meinung von Fachleuten anzuhören. Man kann dann immer noch schauen, ob man die jeweiligen Vorschläge für sich umsetzen kann und will.

Schuh- und Lederwaren Hemmo

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